13.01.1989 Das Mitgliederpolster schrumpft

Ortsverbände der Grünen im Landkreis haben ziemlich abgenommen. Etliche Jüngere zogen weg, andere haben keine Zeit – Durchschnittsalter steigt. Fürther Nachrichten, von THOMAS KILIAN

FÜRTH Land – Es ist ruhiger geworden um die Grünen im Landkreis. Vor fünf Jahren waren sie – vor allem im südlichen Landkreis – mit großem Enthusiasmus angetreten: Eine bessere kommunale Umweltpolitik war allerorten ihre Hauptforderung. Viele Außenstehende denken: Am Ermatten der Alternativpartei ist der Flügelstreit der Bundesgrünen schuld. Im Landkreis Fürth spielte der jedoch die geringere Rolle.

Willibald Krügl hat einfach keine Zeit mehr. Seit zweieinhalb Jahren werkelt der Ortsverbandssprecher der Roßtaler Grünen an seinem baubiologischen Holzhaus – oft bis 10 Uhr nachts. „Eine Schweinearbeit ist das“, so der Arbeitersohn aus Gunzenhausen. Für grüne Kommunalpolitik fiel er während dieser Zeit fast völlig aus. Andere, die ihr Engagement zurückschraubten, hatten dafür ebenfalls gute Gründe. Aber: „In der ganzen Alternativbewegung gab es einen Rückzug ins Private“, hat der 39jährige Volksschullehrer beobachtet „So ein Hausbau ist vielleicht etwas Ähnliches.“

Gelegentlich opfert Willibald Krügl noch einen Samstagvormittag für die Partei: Im letzten Frühjahr bereitete er in Roßtal zusammen mit dem Kreisverband eine Veranstaltung über Atommülltransporte vor. Über das Interesse der 20 Roßtaler freute sich der Lehrer. Doch enttäuschte ihn, daß nur ein halbes Dutzend Grüne erschienen waren. Er hatte erwartet, die Hälfte des 40köpfigen Kreisverbandes anzutreffen. Gerade bei den Parteimitgliedern sei die Luft ‚raus. Das beklagt auch Kreisvorstandssprecherin Eva Wollrab.

1984 war alles noch ganz anders. Bei den Grünen herrschte Aufbruchstimmung. Rechtzeitig zur Kommunalwahl hatten sich in Roßtal und drei oder vier anderen Gemeinden Ortsverbände gegründet. In Roßtal rauften sich zwölf Grüne zusammen. Mit 6,7 Prozent schafften sie bei der Kreistagswahl das beste Ergebnis im Landkreis.

Für die Gemeindepolitik arbeiteten sich die Roßtaler Grünen vor allem in die Abwasserentsorgung ein. Für die Sanierung der kleinen Klärgruben in Außenorten wie Defersdorf schlugen sie die sogenannte Wurzelraumentsorgung vor: Statt Luft in die Klärteiche einzublasen, sollte Schilf das Abwasser säubern. So würden laut Willibald Krügl selbst Nordseegifte wie Phosphate und Nitrate herausgefiltert.

Noch heute erklärt der Lehrer geduldig und detailgenau die Wirkungsweise einer solchen alternativen Kleinkläranlage. Konrad Dietrich, grüner Gemeinderat in Roßtal, kam mit solchen Vorschlägen im Marktrat freilich nicht durch. „Die lachen uns dort doch nur aus“, schildert Willibald Krügl den Gremienalltag.

Andernorts im Landkreis machten die Grünen ähnliche Erfahrungen: Einziges Erfolgserlebnis blieb die Verhinderung der Verbindungsstraße West zwischen der B 8 und der B 14. Dies war allerdings nur möglich, weil auch die CSU diese Straße ablehnte – allein wären die Grünen nicht dagegen angekommen.

Gleichzeitig zogen vor allem jüngere Mitglieder zum Studieren oder aus beruflichen Gründen aus dem Landkreis weg. Der Ortsverband Roßtal verlor die Hälfte seiner Mitglieder. In Oberasbach und Zirndorf schrumpften die Grünen gar auf weniger als ein Drittel zusammen. Neueintritte gab es kaum.

Seit Gründung eines eigenen Kreisverbandes im April 1987 schickte Kreiskassier Rolf Swoboda gerade zwei Neumitgliedern Satzung und Parteiprogramm zur Begrüßung. Beide haben seit 1984 als Unabhängige bei den Grünen mitgearbeitet. Aufgrund des fehlenden Nachwuchses steigt das Durchschnittsalter der Grünen immer mehr an. Mit 39 Jahren und drei Kindern ist Familienvater Willibald Krügl zumindest im Landkreis Fürth ein typischer Grüner.

Daß die Grünen in die Jahre gekommen sind, bestreitet Landesvorstandssprecher Michael Pfeffer aus Fürth nicht Die Mitgliederentwicklung des Landkreises Fürth sei aber untypisch: Seit 1984 hätten die bayerischen Grünen von 4000 auf 7000 Mitglieder zugelegt. Die letzten zwei Jahre wuchs die Partei aber nur noch in ländlichen Gegenden wie dem Kreisverband Neustadt/Aisch oder dort, wo sie besonders aktiv ist: zum Beispiel in Schwabach.

Während der vergangenen beiden Jahre haben die Bundesquerelen wohl auch die Ortsverbände behindert. Das findet zumindest Norbert Schickora, Ortsverbandssprecher von Oberasbach: „Die Sympathisanten reagieren darauf äußerst sensibel.“ Letzten November wollten die Grünen in Oberasbach über die Müllprobleme im Landkreis aufklären. Da riß ein etwa 40jähriger Besucher die Diskussion an sich, lobte die Kreisgrünen und prangerte gleichzeitig den Zustand der Bundespartei als unerträglich an.

Wer jedoch bei den Landkreisgrünen eine Zeitlang mitgearbeitet hat, den schreckt bald anderes: Stundenlange Diskussionen im Hinterzimmer einer Kneipe über trockene, kommunalpolitische Fragen wie Straßenbau oder Finanzpolitik. „Das ist hart, sich da einzuarbeiten“, so der Sozialpädagogik-Student Thomas Höhne aus Zirndorf. Ihn hätten vermehrt Themen wie die WAA oder die Volkszählung interessiert. Nach einem guten Jahr Mitarbeit bei den Zirndorfer Grünen warf der 24jährige vor einem halben Jahr das Handtuch. Hinzu kam die Frustration über die geringen Erfolge: „Ich glaube nicht mehr, daß die Grünen viel verändern werden.“

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